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2003

2. Potsdamer Literaturnacht am Neuen Palais

Die Autoren

Steffen Kopetzky

"Wir betreten die Bahnhöfe: fast immer in der Stadtmitte gelegen, an ihren Vorderseiten kolossal den großen Boulevards geöffnet, Einfallstore in eine Welt aus Fahrplänen und Destinationen."

So beginnt Steffen Kopetzkys dritter Roman "Grand Tour oder die Nacht der großen Complication", ein luxuriöses Opus von über 700 Seiten, verzweigt, weitläufig und bunt. Die Grundfarben dieses Erzählprojekts sind Abenteuer und Sehnsucht, gespickt mit Verbrechen und geradezu endlosen Reisen im Nachtzug kreuz und quer über das europäische Schienennetz.

Der Roman lebt von einer Fülle an Figuren, die sich dem Leser offenbaren und ihn ein Stück weit auf seiner Reise begleiten, jede einzelne verwoben in ein Netz aus Beziehungen, Zeit und Zufällen. Nicht nur die Wege der beiden Protagonisten Leo Pardell, einem gescheiterten Architekturstudenten, und Friedrich Jasper von Reichhausen, einem fanatischen Uhrensammler, kreuzen sich. Ihre Geschichten stehen stellvertretend für eine aussterbende Spezies von Reisenden, die über große Entfernungen lange Stunden vor der Kulisse des Lebens im Nachtzug verbringen. In diesem Raum bewegt sich die Existenz des jungen Leo Pardells, der eigentlich ein Jahr in Buenos Aires verbringen wollte, jedoch Betrügern zum Opfer fällt und seine mißliche Lage vor seiner Mutter und der Ex-Geliebten zu verbergen sucht. Er heuert auf einem Nachtzug an und begegnet während seiner Touren durch das nächtliche Europa den merkwürdigsten Existenzen des fahrenden Volkes. Antithetisch und simultan verläuft die Geschichte des Nachlaßverwalters und Uhrensammlers Friedrich von Reichhausen, der auf der Spur der mythischen Uhr "Ziffer à Grand Complication 1924" ist. Er jagt diesem technischen Wunderwerk mit Jahrtausendanzeige hinterher, um es in seinen Besitz zu bringen. Über Haupt- und Nebenstrecken erleben beide Hauptfiguren in diesem Schienenkosmos persönliche Verwandlungen und Geheimnisse ihrer Existenz.

Wo liegen die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion? Steffen Kopetzky versteht sich meisterlich auf die Kunst, eigene Erfahrungen als Nachtzugschaffner mit komplexen Erzählsträngen zu verknüpfen, der Geschichte aber eine eigene Identität und klare Stimme zu verleihen: Ihre Sprache lebt von liebevoller Genauigkeit in der Erklärung "faszinierender und welthaltiger Dinge", ohne dabei die Ironiefähigkeit zu verlieren. Kopetzkys dramaturgische Finessen zeigen sich in der Komposition eines solchen Erweckungs- und Entwicklungsromans wie "Grand Tour", der sich auch und vor allem durch seine Erzählzeit und seinen Umfang eine Berechtigung verdient.

"Zwischen den Städten entsteht eine merkwürdige Intimität und Verbundenheit, wenn man sie mit dem Schlafwagen bereist. Langsam sickert die Entfernung in unsere Träume [...] Derart aus einem fahrenden Schlafwagenabteil blickend, verwandelt sich noch jede Vorstadttristesse in etwas Schönes und Kostbares, in die sinnliche Gewißheit, daß das Leben ein Geschenk ist und das Reisen manchmal der Weg, dies zu erfahren und für einen langen, glühend-nächtlichen Augenblick ganz einfach und unmittelbar begreifen zu können."

Auf der Literaturnacht stellt Steffen Kopetzky Ausschnitte aus seinem Werk vor.

Steffen Kopetzky, geboren 1971 in Pfaffenhofen a.d. Ilm (Oberbayern) lebt heute in Berlin. Bis 1994 studierte er Philosophie und Romanistik in München.

Romane und Theaterstücke:

Eine uneigentliche Reise (1997)
Einbruch und Wahn (1998)
Grand Tour oder die Nacht der Großen Complication (2002)
"Zuverlässiger Bericht über die Schlaflosigkeit", UA 1999 Baden-Baden
"Herr Krampas: Auftauchend", UA 1999 Pfalztheater Kaiserslautern
"Zeuge stirb" (Opernlibretto), UA 2000 Oper Bonn
"Nacht der Fliege", UA 2000 Staatstheater Hannover
"Kino", UA 2001 Thalia Theater Hamburg 

Hörspiele, Features und Radioessays für WDR, SFB und NDR, u. a.

Die Entdeckung der Pyramiden (SFB, 1995)
Schlafwagen nach Florenz (SFB, 1995)
Ein Smoking für Pavarotti (SFB, 1996)
Sieben Träume von Annabelle (Prosa für Kinder, SFB/NDR/WDR, 1997)
Der installierte Klang (SFB, 1996)
Nachtkonzert und Sternenstaub - Reisen auf einem öffentlich-rechtlichen Kontinent (SFB, Juni 1997)

Auszeichnungen/Ehrungen/Preise (Auswahl): 

Ingeborg-Bachmann-Preis 1997
Magnus-Preis der ARD
Preis des Landes Kärnten in Klagenfurt
1998 eingeladen zu den Autorentagen in Hannover und zum Berliner Stückemarkt 
Carolinenpreis für Journalismus
Else-Lasker-Schüler-Preis für Dramatik für "Herr Krampas: Auftauchend" 

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